Arbeitsfördergruppe Constantin
Matthias Sander, Thomas Kowoll, Sebastian Kitzelmann und Heilerziehungspfleger Alexander Rasch (von links) bei der Arbeit in der speziellen Gruppe der Werkstatt Constantin

Wo das Recht auf Arbeit das höchste Gut ist

3. Mai 2018

Werkstatt Constantin richtet Gruppe ein, in der Menschen mit geistiger Behinderung und weiteren Einschränkungen Sinnvolles tun

Die Vereinten Nationen haben in ihre Behindertenrechtskonvention ausdrücklich das Recht auf Arbeit einbezogen. Werkstätten und Außenarbeitsplätze stellen es auch in Bochum sicher. Doch was ist, wenn zur Behinderung weitere Einschränkungen hinzukommen, der Mensch zum Beispiel Reize nicht gut verarbeiten kann, aber trotzdem sein Recht auf eine sinnstiftende Tätigkeit wahrnehmen möchte? Dann sind kreative Lösungen wie in der Bochumer Werkstatt Constantin gefragt.

In einer besonderen Gruppe an der Hiltroper Straße sind 14 Beschäftigte tätig, die zwischendurch ihre Ruhe brauchen. Die gemeinsam an einem großen Tisch arbeiten, dann aber hinter einem Raumtrenner verschwinden und sich mit Kopfhörern und Musik gegen Reize abschirmen. Es gibt einen Ruheraum, eine eigene Küche, die den Weg in die trubelige Kantine überflüssig macht, und einen kleinen Außenbereich. Alles frisch vergrößert, hell gestaltet und neu eingerichtet. „Ein solches Setting ist schon einzigartig“, sagt Heilerziehungspfleger Alexander Rasch, der in der Gruppe arbeitet. Natürlich gebe es in Werkstätten häufig gesonderte Gruppen für spezielle Anforderungen, aber dass hier geistig behinderte Beschäftigte mit zusätzlich unterschiedlichen Einschränkungen wie Weglauftendenzen, autistischen Störungen, Angststörungen oder Impulskontrollstörungen erfolgreich zusammenarbeiten, sei etwas Besonderes.

„Woanders würden einige der Menschen für nicht werkstattfähig erklärt. Sie würden dann den ganzen Tag im Elternhaus oder Wohnheim verbringen, wo wiederum die Wahrscheinlichkeit von Konflikten steigt“, sagt Rasch.

Die Montage- und Sortierarbeiten und Aufträge zur kreativen Gestaltung bekommt die Gruppe aus anderen Arbeitsbereichen der Werkstatt. „Es herrscht kein Produktionsdruck“, betont Mitarbeiterin Marion Vetterkind, gelernte Altenpflegerin mit Zusatzausbildung für psychische Erkrankungen. „Die Nachfrage nach einem solchen Angebot stieg stetig. Deshalb haben wir es zum Jahreswechsel vergrößert“, erklärt sie.

Das vierköpfige Team, zu dem noch Fachsozialbetreuer Christoph Lämmermayer und Familienpflegerin Helena Strocka gehören, ist in Deeskalationstechniken geschult und mit den Beschäftigten inzwischen so vertraut, dass es Krisen und Konflikte meist schon im Keim ersticken kann. Oft reicht eine Geste, der Wechsel des Sitzplatzes oder ein kurzer Gang durch den Garten.

Sebastian Kitzelmann hat in der Gruppe wieder zu sich gefunden. In einer anderen Arbeitsumgebung wurde er schnell wütend und aufbrausend. Hier sitzt er ruhig in einer halboffenen Ecke des Raumes, hört leise Radio über Kopfhörer und zählt Lego-Steine. Die Werkstatt Constantin überprüft im Auftrag eines gewerblichen Lego-Verleihers, ob die Packungen vollständig vom Kunden zurückkehren. „Das ist meine liebste Arbeit“, sagt Kitzelmann leise. „Woanders war es immer laut und manchmal gab es Streit. Ich habe es lieber mit weniger Leuten.“

In Zusammenarbeit mit den Angehörigen und der LWL-Klinik hinterfragt das Team sein Angebot immer wieder neu, justiert, streicht und probiert aus – ohne an den gewohnten und Halt gebenden Strukturen zu viel zu verändern.

Obwohl das Angebot der Werkstatt Constantin ein pädagogisches und kein psychiatrisches ist, wirkt es inzwischen über die Arbeitszeit hinaus. Christoph Lämmermayer sagt: „Die Beschäftigten nehmen hier Verhaltensregeln mit, die ihnen helfen, auch zuhause oder im Wohnheim ihre sogenannten Auffälligkeiten abzustellen. Die Muster sind oft sehr eingefahren, aber es bewegt sich etwas.“

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